Stichtag 25. Mai 1987: Vobo war damals eine Massenbewegung

Der 25. Mai war Stichtag der Volkszählung 1987. 1983 war ein erster Versuch zur Totalerfassung aller Bundesbürger grandios gescheitert. Bereits damals hatte sich die „Marburger Initiative gegen den Überwachungsstaat“ (MIgÜSt) gegründet.
Aufgrund des sehr umfangreichen Fragenkatalogs hatte das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) die für 1983 geplante Volkszählung verboten. In seinem „Volkszählungsurteil“ leitete es im Dezember 1983 – einer Argumentation von Prof. Dr. Wilhelm Steinmüller folgend – aus dem Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit ein „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“ ab.
Eine wichtige Rolle beim Boykott nahm seinerzeit die Humanistische Union (HU) ein. Anwälte der HU Marburg gehörten zu den erfolgreichen Klägern vor dem BVerfG. Die beim Berliner Verlag „Elefantenpress“ erschienene „Rechtschutzfibel Volkszählung“ des Marburger Rechtsanwalts Dr. Peter Hauck-Scholz wurde wochenlang in der Spiegel-Bestsellerliste geführt.
Trotz einer massiven Werbekampagne gelang es dem damaligen Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) nicht, die Argumente der Kritiker gegen das „Volksverhör“ zu entkräften. Offenbar waren die Ergebnisse auch so wenig aussagekräftig, dass es seither keinen weiteren Versuch einer umfassenden Volksbefragung mehr ggegeben hat.
In einem sehr gelungenen Wikipedia-Artikel zur Volkszählung 1987 werden Hintergründe und Rahmenbedingungen ebenso wie die Vorgeschichte und die Ergebnisse der Zählung sachlich beleuchtet. Nicht erwähnt wird dort allerdings die wichtige Rolle, die Marburg und die MIgÜSt beim bundesweiten Protest gegen die Volkszählung spielten. Wichtige Impulse für die Kampagne kamen nämlich aus Marburg.
In den räumen des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) sammelte die MIgÜSt damals die Fragebögen ein. Vorher mussten die Ablieferer ihre Namen vom sogenannten „Mantelbogen“ abtrennen, damit die Identität der Boykotteure nicht zurückzuverfolgen war. Dann warfen sie die mehrseitigen DIN-A4-Bögen in eine große Box.
Neben persönlichen Fragebögen für alle Bürgerinnen und Bürger gab es auch sogenannte „Haushaltsbögen“, die der „Haushaltsvorstand“ ausfüllen sollte. Hinzu kamen Fragebögen für Vermieter und eine sogenannte „Arbeitsstättenzählung“.
Alle Ergebnisse sollten nach der Erfassung miteinander abgeglichen werden. Darum befürchteten viele, der Staat wolle nicht nur die Angaben im Melderegister überprüfen, sondern auch die Steuerehrlichkeit seiner Bevölkerung. In der „Volkszählung“ sahen ihre Kritiker den Auftakt einer Entwicklung hin zum „gläsernen Bürger“.
Nicht zuletzt auch deswegen war die Protestbewegung 1987 sehr breit aufgestellt. Auch Unternehmer und Vermieter gaben Erhebungsbögen im AStA Marburg ab.
Mehrmals täglich wurden die eingesammelten Bögen von verschiedenen Gewährsleuten unauffällig in ein geheimes Versteck gebracht. Befürchtet wurde, die Polizei könnte eine Hausdurchsuchung im AStA durchführen, was jedoch nicht geschah. In Marburg hätte das allerdings auch zu einer Massendemonstration geführt, die die Verantwortlichen wohl nicht riskieren wollten.
Mit dem Ablauf der Rückgabefrist präsentierte die MIgÜSt ihre „Ernte“ dann in einer spektakulären Aktion: Mit einem dichten Netz von Wäschleinen war der Marburger Marktplatz überzogen. Daran hingen in engem Abstand die Erhebungsbögen.
Wie viele es waren, lässt sich heute allerdings nicht mehr sicher sagen; aber der gesamte Marktplatz war von ihnen überdeckt. Jubel brannte auf in der auf dem Marktplatz versammelten Menschenmenge, als einige Helfer immer mehr Leinen aufspannten, an denen die leicht erkennbaren Erhebungsbögen mit der abgeschnittenen oberen Ecke baumelten.
Die Furcht vor einem “ Gläsernen Menschen“ war vor 30 Jahren zu Recht riesig. Inzwischen haben sich die Menschen aber leider an die allumfassende Erfassung und Überwachung gewöhnt. Dabei wäre eine Bewegung für einen umfassenden und wirksamen Datenschutz im Zeitalter von Big Data, flächendeckender Videoüberwachung und des weltweiten Datenaustauschs wichtiger denn je.

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